Der Kirchturm und der Kosmos

Das Turmblasen geht weiter!
Auch wenn schon wieder kleinere Gottesdienste stattfinden können wird weiterhin an jedem Sonn- und Feiertag um 9.30 Uhr nach dem Glockenläuten vom Turm der Ordenskirche Bayreuth St. Georgen ein Choral in alle vier Himmelsrichtungen geblasen.

Pfingstsonntag, 31. Mai, „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“
Pfingstmontag, 1. Juni, „Freut euch, ihr Christen alle“
Sonntag (Trinitatis), 7. Juni, „Brunn alles Heils, dich ehren wir“
Sonntag, 14. Juni, „Von Gott will ich nicht lassen“
Sonntag, 21. Juni, „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend“
Sonntag, 28. Juni, „Meinen Jesus lass ich nicht“
Sonntag, 5. Juli, „O Gott, du frommer Gott“
Sonntag, 12. Juli, „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen“
Sonntag, 19. Juli, „Ich bin getauft auf deinen Namen“
Sonntag 26. Juli, „Sonne der Gerechtigkeit“

Sela – Empor! – Der Aufstieg als Einstieg in den Kosmos
Einige persönliche Gedanken zum Turmblasen

Sela –Empor! Das alte Psalmwort Sela – Martin Buber übersetzt es mit „Empor!“, und empor geht es auch beim Aufstieg auf den Turm. Stufe für Stufe steige ich nach oben, vorbei an der ersten und zweiten Empore, über den alten barocken Dachstuhl, durch mehrere Turmgeschoße, über eine steile Stiege durch die Glockenstube mit ihren fünf Glocken bis zum Turmumgang unter der welschen Haube.
Der Schritt hinaus ins Freie ist dabei immer ein besonderes Erlebnis, ein Schritt wie in eine andere Dimension. Es ist nicht nur die schöne Aussicht, der Blick auf die Stadt und das Land, vom Vulkankegel des Rauhen Kulm über den Sophienberg, den Hummelgau, den Tafelberg der Neubürg bis hin zum Juraabbruch und dem Kordigast bei Burgkunstadt, der über dem Festspielhaus zu erkennen ist. Fast fühle ich mich wie der Luftschiffer Giannozzo in seiner Montgolfiere aus Jean Pauls berühmter Erzählung. Es ist der ganze Erdkreis, der da plötzlich präsent ist und der Turm mit seinen Glocken wie ein Kraftzentrum, das in ihn hineinragt.
„Glockenschall, Glockenschwall supra urbem, über der ganzen Stadt, in ihrem von Klang überfüllten Lüften.“ Mit diesen Worten beginnt Thomas Manns Roman „Der Erwählte“, ein Roman über die Gregorius-Legende. Und auch unter mir in der Glockenstube beginnt ein Schwingen und Schaukeln, ein Wogen und Wiegen. Urklang quillt hervor, quillt hinaus ins Weite. Klang durchströmt die Schöpfung – ein kosmisches Geläute durch Wolken, Luft und Winde, das Himmel und Erde und alle, die es hören, miteinander verbindet.
Die Trompete glitzert in der Morgensonne. Die ersten Töne des Chorals erklingen, hallen zurück. Der ganze Kosmos wird zum Resonanzraum.
Ich erinnere mich dabei an den 3. Satz von Gustav Mahlers 3. Symphonie, seiner kosmischen Symphonie. Sie ist eine meiner Lieblingssymphonien. Dort ertönt – träumerisch verklärt in romantischer Waldeinsamkeit – ein Posthornsolo über ruhigen, sphärischen Streicherklängen.
Hier am Turm aber wird mir die Kraft unserer alten Choräle wieder neu bewusst, ihre markanten Melodien und Weisen, die viele Generationen von Menschen über Jahrhunderte hinweg geprägt haben und nun über den Dächern von St. Georgen erklingen. Woche für Woche locken sie viele Menschen auf die Straßen rund um die Ordenskirche, auf den nahen Friedhof, in die Gärten, auf Balkone und Terrassen oder an das geöffnete Fenster.

Michael Lippert, am 22. Mai 2020
Dekanatskantor und Kirchenmusiker an der Ordenskirche Bayreuth St. Georgen

Der Kosmos erstrahlt!

Ostermorgen 2020 in Bayreuth St. Georgen

Nach der Ruhe des großen Sabbat und Christi Fahrt in das Totenreich, symbolisiert durch dumpfe Trommelschläge unter dem Kreuz von Golgatha, ertönte über den Gräbern des Friedhofs St. Georgen ein mächtiges, ehernes Brausen, die gewaltige Stimme des großen Tempelgongs – wie Feuer sprechend: „Christ ist erstanden, von der Marter alle!“
Trompeten und Posaunen verkündeten aus allen Himmelsrichtungen im Licht der aufgehenden Sonne den neuen Morgen, die neue Schöpfung, den Sieg des Lebens über den Tod. Dabei entstand – von morgendlichem Vogelgesang grundiert  – ein beeindruckendes Klanggemälde, das schließlich in das volle Geläute der fünf Glocken vom Turm der Ordenskirche einmündete.
„Christus ist auferstanden von den Toten und hat den Tod durch den Tod besiegt, und denen im Grabe das Leben gebracht“.
Mitwirkende dieser österlichen Klangskulptur, die am Ostersonntag, den 12. April 2020 bei Sonnenaufgang um ca. 6.30 Uhr auf dem Friedhof in Bayreuth St. Georgen stattfand, waren die Bläserfamilie Klaus, Benedikt und Konstantin Oetter, sowie Friederike Lippert (Gong/Tamtam), Konstantin Lippert (Handtrommel) und Michael Lippert (Solotrompete).
Fotos: Lena Wuttig und Gregor Lippert

Turmblasen statt Gottesdienst

Ordenskirche Bayreuth St. Georgen – Foto von Thomas Wild

Anstelle der abgesagten Gottesdienste wird zu den regulären Gottesdienstzeiten jeweils am Sonntag bzw. Feiertag um 9.30 Uhr nach dem Glockenläuten vom Turm der Ordenskirche Bayreuth St. Georgen ein Choral in alle vier Himmelsrichtungen geblasen.

Interview mit Domradio Köln zum Turmblasen

Es erklingen folgende Choräle:
Sonntag, 22. März (Lätare), „Jesu, meine Freude“
Sonntag, 29. März (Judika), „Befiehl du deine Wege“
Sonntag, 3. April (Palmarum), „Wer nur den lieben Gott lässt walten“
Karfreitag, 10. April, „Herzliebster Jesu“
Osteronntag, 12. April, „Christ ist erstanden“
Ostermontag, 13. April, „Gelobt sei Gott im höchsten Thron“
Sonntag, 19. April (Quasimodogeniti), „Erschienen ist der herrlich Tag“
Sonntag, 26. April (Miserikordias Domini), „Lobet den Herren alle, die ihn ehren“
Sonntag, 3. Mai (Jubilate), „Großer Gott, wir loben dich“
Sonntag, 10. Mai (Kantate), „Lob Gott getrost mit Singen“
Sonntag, 17. Mai (Rogate), „Vater unser im Himmelreich“
Donnerstag, 21 Mai (Christi Himmelfahrt), „Jesus Christus herrscht als König“
Sonntag, 24. Mai (Exaudi), „Komm, o komm, du Geist des Lebens“
Pfingstsonntag, 31. Mai, „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“
Pfingstmontag, 1. Juni, „Freut euch, ihr Christen alle“

Uraufführung

Bild

Aufgrund der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie beginnen die Chorproben der Kantorei Bayreuth St. Georgen für die MESSE DES KOSMOS erst nach den Sommerferien am Dienstag, den 8. September 2020 um 19.30 Uhr im Gemeindehaus Bayreuth St. Georgen. Herzliche Einladung zum Mitsingen!

Der Kartenvorverkauf beginnt am 24. September 2020. Hier geht es weiter zum Kartenvorverkauf.

MESSE DES KOSMOS
Ewig – Zeit – Weisheit – Spiel

Nach vielen erfolgreich aufgeführten Oratorien, Musicals und Kirchenopern hat der Bayreuther Kirchenmusiker Michael Lippert mit der MESSE DES KOSMOS als nunmehr neuntes größeres Werk seine erste Messe für Chor und Orchester komponiert; eine Messe, die sich am traditionellen Messordinarium, also Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei orientiert, dieses aber weiterführt und zu einer die ganze Schöpfung einbeziehenden Dimension hin öffnet.

Das inhaltliche Konzept der MESSE DES KOSMOS erarbeitete die Theologieprofessorin und Schöpfungstheologin Brigitte Enzner-Probst aus Bibelworten der Schöpfungsgeschichte, der Offenbarung des Johannes, aus liturgischen Texten und Gebeten sowie Zitaten von Hildegard von Bingen und Pierre Teilhard de Chardin (Der Mensch im Kosmos).
„Und Gott sprach!“ Aus dem Urklang seines Wortes strömt der Kosmos hervor.
Die Erschaffung der Welt wird dabei als gewaltiges Geburtsgeschehen beschrieben, das sich in den insgesamt neun Sätzen der Messe vollzieht und sich in einer symphonisch dichten Musik entfaltet, einer Musik, die Elemente der Minimal-Music mit Gesängen der orthodoxen Kirche und den rhythmischen Klangfiguren eines großen  Glockengeläutes verbindet und zu einer mitreißenden spirituellen Erfahrung werden lässt: Mantra-Meditation des Kyrie, Lobpreis der tanzenden Schönheit Gottes im Gloria, Glockenspiel und Gebetsglockenläuten im Credo, entrückte Heiterkeit im Sanctus und kontemplative Anschauung des geheimnisvollen Geschenks des Daseins im Agnus Dei. Kosmisches Geläute und Halleluja-Jubel. „Siehe, ich mache alles neu!“.
Die Einheit von Gott und Mensch, Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit ist ein zentrales Thema der MESSE DES KOSMOS; ein Thema, das bereits in früheren Werken Michael Lipperts anklingt, so z.B. in TRÄUMENDE BÄUME, DER MÖNCH AM MEER, DIE SCHLANGENINSEL, CHRISTOPHORUS oder SONNENWINTER.
Die Liebe zur Schöpfung, deren Bewahrung und Erhalt, geht dabei einher mit der Liebe zu Gott dem Schöpfer und zu Jesus Christus. „Alles, alles ist in ihm!“
Gottesdienst, Schöpfungsspiritualität und sinnliche Erfahrung des Kosmos bilden in Michael Lipperts MESSE DES KOSMOS eine Einheit, was auch auf einer orthodoxen Pfingstikone vom heiligen Berg Athos dargestellt wird: Der Geist Gottes ergießt sich in Strömen und Zungen auf die Apostel, in deren Mitte, sozusagen als Zentrum, umrahmt von den Aposteln, der personifizierte Kosmos erstrahlt.
Die Schöpfungsmystik der Ostkirche ist in vielerlei Hinsicht in die MESSE DES KOSMOS eingeflossen, einer Messe, die im Sog einer bewegten und bewegenden Musik in das Schöpfungsgeschehen hineingleiten und Teil und Anteil des Ganzen werden lässt.

Gesamtkunstwerk Kirchenmusik

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Michael Lippert ist hauptberuflicher Kirchenmusiker an der Ordenskirche Bayreuth St. Georgen und Dekanatskantor im Dekanat Bayreuth.
Auf dieser Homepage finden Sie Informationen über seine Kompositionen und Konzertprojekte sowie über die Angebote der Kantorei Bayreuth St. Georgen, mit der er neue Wege in der Kirchenmusik – und darüber hinaus – beschreitet.
Die Konzeption, Planung und Durchführung innovativer Musikprojekte im Spannungsfeld von Gottesdienst und Liturgie, Theater und Konzert ist ein Schwerpunkt in Michael Lipperts Schaffen.

Kurzvita
Michael Lippert, geboren 1965 in Hof/Saale, studierte in Bayreuth evangelische Kirchenmusik. Von 1992 bis 2005 war er Dekanatskantor in Naila (Oberfranken). Seit 2006 ist er Kirchenmusiker an der Ordenskirche in Bayreuth St. Georgen und Dekanatskantor im Dekanat Bayreuth.