Alles Geschaffene ist Echo

Ein Besucher betritt die Kirche. Und erschafft damit einen Ton – seinen Ton: Hell oder dunkel, laut oder leise. Jeder klingt anders. Der Ton fügt sich ein in den Klang derer, die vorher schon da waren, er klingt weiter für die, die später kommen. Und er reichert an, was schon immer da war, da ist: der Sound Gottes. 

„Alles Geschaffene ist Schatten, ist Echo, ist Bild, Spur, Ebenbild und Aufführung.“ Diese Worte des mittelalterlichen Mystikers Bonaventura stehen über einem einzigartigen digitalen Klangprojekt, das im Juli 2022 in der Ordenskirche in Bayreuth stattfindet. Hinter diesem Projekt stecken die Lust, Kirchenmusik radikal neu zu denken, die Begeisterung daran, Grundgedanken des Christentums mit Klängen, Kompositionen und digitalen Möglichkeiten zu verbinden. Und die Kompetenz zweier Männer, die in der barocken Markgrafenkirche neue Räume eröffnen dafür, damit Menschen ihn mitgestalten und ihm nachspüren können: dem Klang des Lebens. Der Sinfonie alles Geschaffenen.
Es sind Rainer Bayreuther und Michael Lippert, die für dieses Projekt kooperieren. Bayreuther ist Musikwissenschaftler, Philosoph und Theologe, er lehrt unter anderem an der Hochschule für evangelische Kirchenmusik Bayreuth. In seinem neu erschienenen Buch „Der Sound Gottes“ wirbt er leidenschaftlich dafür, Kirchenmusik zu „entflechten“, „aufs freie, leere Feld“ zu stellen, um dann, frei von allen Konventionen, ungeahnte Wege zu erkunden. Für das Projekt in der Ordenskirche wird Rainer Bayreuther das mit Hilfe ausgefeilter digitaler Technik tun, die abbildet, was ein Kerngedanke mittelalterlicher Mystiker war: Dass alles Geschaffene Teil der großen Sinfonie Gottes ist. Dass jeder und alles mit- und hinzuklingt zu einem großen Ganzen.  
Dem Musikwissenschaftler zur Seite steht Michael Lippert, Kantor der Ordenskirche. Die Konzeption und Durchführung innovativer Klangkunst im Spannungsfeld von Gottesdienst und Liturgie, Theater und Konzert ist ein Schwerpunkt seines Schaffens. Unter dem Motto „Gesamtkunstwerk Kirchenmusik“ entwickelt er neue Formen und Formate von Kirchenmusik, die auf ihre ganz eigene Weise Spiritualität und Transzendenz erfahrbar machen. „Mystisches Hören“ fasziniert ihn: Zunehmend, so Lippert, gehe es ihm so, dass er „den Sound Gottes“ weniger in vorliegenden Kompositionen, sondern vielmehr aus Klängen oder Geräuschen heraus wahrnehme: „Ich höre ihn im Glockengeläute der Kirchtürme, im Rauschen der Wälder, im Säuseln des Windes, im Regen, im Sturm, aber auch im Sprechen des „Vaterunsers“ im Gottesdienst. Und ab und zu kann es auch geschehen, ihn in der Stille zu hören.“  

All das wird eine Rolle spielen, wenn es im Juli 2022 in der Ordenskirche heißt: „Alles Geschaffene ist Echo, ist Aufführung“. Jeder kann Teil dieser Aufführung sein: einfach dadurch, dass er die Ordenskirche betritt. Und damit Teil des Gesamtklanges wird.

Programm:

Samstag, 2. Juli, 21 Uhr:                 Eröffnung: „Nachtklänge und Nachklänge“
Meditation und Inszenierung

Donnerstag, 7. Juli, 20.00 Uhr:      Sounds, Sax, Souls.
Ein Abend mit dem Jazzmusiker und Theologen Uwe Steinmetz

Donnerstag, 14. Juli, 20.00 Uhr:    Partizipative Kirchenmusik.
Rainer Bayreuther und Michael Lippert im Gespräch über ihre interaktive Klanginstallation in der Ordenskirche Bayreuth

Donnerstag, 21. Juli, 20.00 Uhr:    Alles, mein Herz: ein Wind & ein Hauch.
Eine Performance mit der Lyrikerin Nora Gomringer

Donnerstag, 28. Juli, 20.00 Uhr:    Alles Geschaffene ist Echo (Bonaventura). Meditationen zur Mystik im 21. Jahrhundert mit der Theologin Angela Hager

Sonntag, 31. Juli, 9.30 Uhr:            Abschlussgottesdienst: „Der Klang Gottes“     

Lichtklang-Installation PASSION 2022

Insgesamt an die 500 Besucher waren in der Woche vor dem Osterfest 2022 Gast in der Ordenskirche Bayreuth St. Georgen, um dort die Lichtklang-Installation „Da Jesus in den Garten ging“ zu sehen und zu hören. Musik und Filmprojektionen luden dabei zum Verweilen und Meditieren in den abendlich dämmrigen Kirchenraum ein.
Jenseits von Eden führte das Lichtklangwerk über den Garten Gethsemane auf den Spuren des Leidensweges Christi zurück zum Paradies. Dabei flossen in die surrealistischen Videoprojektionen des Berliner Videokünstlers Matthias Lippert auch aktuelle Ereignisse ein. Zu den Worten „Was hast du verbrochen“ aus dem alten Passionslied „Herzliebster Jesu“ tauchen in dem verworrenen Grün des Gartens Panzer auf. Hinter ihnen leuchten im verklärten Licht als hoffnungsvolle Vision die Kornfelder der Ukraine auf. Urknall, Nahtoderfahrung oder Auferstehungsfeier: In einem bildgewaltigen Farb- und Klangrausch endet die Installation zu der Michael Lippert – Kantor und Kirchenmusiker an der Ordenskirche –  die Musik komponierte und eine Klangcollage entwickelte.

Klangmeditation zu „Baum und Basalt“

Monte Simile, Gleichberge: Zwei Inselberge ragen aus der flachhügeligen Landschaft –  Terra Incognita; unbekanntes, unerforschtes Land? Basaltgestein vulkanischen Ursprungs, schwarzgraublau, Urgestein, dunkelbemoost und umklammert vom Wurzelwerk alter windzerzauster Bäume. Baumträume wie am Gestade des Meeres; über Klippen und Abgründen, am Rande der Steinhalden, den Trümmerfeldern der Ewigkeit, stehen sie da, tauchen aus den Nebelschleiern auf, versinken wieder im Unergründbaren.
„Baum und Basalt“ ist eine Hommage an den Künstler Joseph Beuys und seine Aktion „7000 Eichen“ von der dokumenta 7 in Kassel (1982).

Die Musik ist ein Auschnitt aus einer Komposition von Michael Lippert, die in der Passionszeit 2021 entstand. Sie bezieht sich auf den alten Passionschoral „Herzliebster Jesu“. Am Karfreitag 2021 erklang sie in der Ordenskirche Bayreuth St. Georgen zusammen mit weiteren Kompositionen und Improvisationen von Michael Lippert im Rahmen einer musikalischen Kreuzwegandacht.

Lichtklang-Installation in der Ordenskirche Bayreuth

Zu einem Kunstraum der besonderen Art wurde in der Woche vor dem 1. Advent 2020 die Bayreuther Ordenskirche St. Georgen. Dort war eine Lichtklang-Installation zur MESSE DES KOSMOS von Michael Lippert zu erleben.
Die Besucher konnten in einen mystischen Raum hinabtauchen, in einen faszinierenden Licht-, Farb- und Klangkosmos, der bereits Themen aus Lipperts neuestem Werk, der MESSE DES KOSMOS aufnahm, deren Uraufführung wegen der Corona-Pandemie auf das Frühjahr 2022 verschoben werden musste.
In der Komposition aus durch den Raum schwebenden Bildern (Videos: Matthias Lippert) und Klängen ließ sich die Schöpfungsgeschichte – von einem göttlichen Urklang ausgehend – intuitiv nachempfinden. Skulpturale Lesungen, Performance, improvisierte Klangrituale, Konzertandachten und Meditationen rundeten das Programm ab. Dabei wurden die großen Themenfelder der MESSE DES KOSMOS, also Schöpfung, Mystik und Spiritualität, sowie die Transformation des Christentums in der Moderne aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachtet und kreativ entfaltet.
Mit einem musikalischen Gottesdiest unter dem Titel „Siehe, ich mache alles neu!- Weihnachten und der Kosmos“ wurde der „KunstRaumKosmos Ordenskirche“ abgeschlossen.


Gesamtkunstwerk Kirchenmusik

Portrait Michael Lippert 1058

Michael Lippert ist Kirchenmusiker an der Ordenskirche Bayreuth St. Georgen und Dekanatskantor im Dekanat Bayreuth/Bad Berneck.
Auf dieser Homepage finden Sie Informationen über seine Kompositionen und Konzertprojekte sowie über die Angebote der Kantorei Bayreuth St. Georgen, mit der er neue Wege in der Kirchenmusik – und darüber hinaus – beschreitet.
Die Konzeption, Planung und Durchführung innovativer Musikprojekte im Spannungsfeld von Gottesdienst und Liturgie, Theater und Konzert ist ein Schwerpunkt in Michael Lipperts Schaffen.

Kurzvita
Michael Lippert, geboren 1965 in Hof/Saale, studierte in Bayreuth evangelische Kirchenmusik. Von 1992 bis 2005 war er Dekanatskantor in Naila (Oberfranken). Seit 2006 ist er Kirchenmusiker an der Ordenskirche in Bayreuth St. Georgen und Dekanatskantor im Dekanat Bayreuth. Im Mai 2022 wurde ihm für seine Verdienste der Titel „Kirchenmusikdirektor“ verliehen.