Der Kirchturm und der Kosmos

Das Turmblasen geht weiter!
Auch wenn schon wieder kleinere Gottesdienste stattfinden können wird weiterhin an jedem Sonn- und Feiertag um 9.30 Uhr nach dem Glockenläuten vom Turm der Ordenskirche Bayreuth St. Georgen ein Choral in alle vier Himmelsrichtungen geblasen.

Pfingstsonntag, 31. Mai, „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“
Pfingstmontag, 1. Juni, „Freut euch, ihr Christen alle“
Sonntag (Trinitatis), 7. Juni, „Brunn alles Heils, dich ehren wir“
Sonntag, 14. Juni, „Von Gott will ich nicht lassen“
Sonntag, 21. Juni, „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend“
Sonntag, 28. Juni, „Meinen Jesus lass ich nicht“
Sonntag, 5. Juli, „O Gott, du frommer Gott“
Sonntag, 12. Juli, „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen“
Sonntag, 19. Juli, „Ich bin getauft auf deinen Namen“
Sonntag, 26. Juli, „Nun lasst uns Gott dem Herren“
Sonntag, 2. August, „Sonne der Gerechtigkeit“

Mit dem 2. August endet die diesjährige Turmblassaison!
Im Sommer 2021 soll es weitergehen.

Sela – Empor! – Der Aufstieg als Einstieg in den Kosmos
Einige persönliche Gedanken zum Turmblasen

Sela –Empor! Das alte Psalmwort Sela – Martin Buber übersetzt es mit „Empor!“, und empor geht es auch beim Aufstieg auf den Turm. Stufe für Stufe steige ich nach oben, vorbei an der ersten und zweiten Empore, über den alten barocken Dachstuhl, durch mehrere Turmgeschoße, über eine steile Stiege durch die Glockenstube mit ihren fünf Glocken bis zum Turmumgang unter der welschen Haube.
Der Schritt hinaus ins Freie ist dabei immer ein besonderes Erlebnis, ein Schritt wie in eine andere Dimension. Es ist nicht nur die schöne Aussicht, der Blick auf die Stadt und das Land, vom Vulkankegel des Rauhen Kulm über den Sophienberg, den Hummelgau, den Tafelberg der Neubürg bis hin zum Juraabbruch und dem Kordigast bei Burgkunstadt, der über dem Festspielhaus zu erkennen ist. Fast fühle ich mich wie der Luftschiffer Giannozzo in seiner Montgolfiere aus Jean Pauls berühmter Erzählung. Es ist der ganze Erdkreis, der da plötzlich präsent ist und der Turm mit seinen Glocken wie ein Kraftzentrum, das in ihn hineinragt.
„Glockenschall, Glockenschwall supra urbem, über der ganzen Stadt, in ihrem von Klang überfüllten Lüften.“ Mit diesen Worten beginnt Thomas Manns Roman „Der Erwählte“, ein Roman über die Gregorius-Legende. Und auch unter mir in der Glockenstube beginnt ein Schwingen und Schaukeln, ein Wogen und Wiegen. Urklang quillt hervor, quillt hinaus ins Weite. Klang durchströmt die Schöpfung – ein kosmisches Geläute durch Wolken, Luft und Winde, das Himmel und Erde und alle, die es hören, miteinander verbindet.
Die Trompete glitzert in der Morgensonne. Die ersten Töne des Chorals erklingen, hallen zurück. Der ganze Kosmos wird zum Resonanzraum.
Ich erinnere mich dabei an den 3. Satz von Gustav Mahlers 3. Symphonie, seiner kosmischen Symphonie. Sie ist eine meiner Lieblingssymphonien. Dort ertönt – träumerisch verklärt in romantischer Waldeinsamkeit – ein Posthornsolo über ruhigen, sphärischen Streicherklängen.
Hier am Turm aber wird mir die Kraft unserer alten Choräle wieder neu bewusst, ihre markanten Melodien und Weisen, die viele Generationen von Menschen über Jahrhunderte hinweg geprägt haben und nun über den Dächern von St. Georgen erklingen. Woche für Woche locken sie viele Menschen auf die Straßen rund um die Ordenskirche, auf den nahen Friedhof, in die Gärten, auf Balkone und Terrassen oder an das geöffnete Fenster.

Michael Lippert, am 22. Mai 2020
Dekanatskantor und Kirchenmusiker an der Ordenskirche Bayreuth St. Georgen